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Recruiting Journey: HR ist das unterschätzte Marketing

Roger Lütolf

Roger Lütolf

08. Juli 2025

Warum Employer Branding betreiben – und dann beim Bewerbungsprozess scheitern?

Viele Unternehmen investieren in schöne Karriereseiten und starke Arbeitgeberversprechen. Doch oft ist es die Realität im Recruitingprozess, die über das wahre Image entscheidet. Und hier hat HR eine Schlüsselrolle: Sie sind nicht nur Recruiter – sie sind Markenbotschafter. Und das oft, noch bevor ein Vertrag unterschrieben ist.

 

BeWERBUNG gilt für beide Seiten

Die Employee Journey beginnt nicht am ersten Arbeitstag, sondern mit dem ersten Eindruck. Und dieser entsteht oft durch ein Stelleninserat, ein LinkedIn-Profil oder den ersten Kontakt mit der HR-Abteilung. Genau hier zeigt sich: Unternehmen bewerben sich ebenso wie Bewerbende.

HR gestaltet aktiv mit, wie das Unternehmen wahrgenommen wird – ob es will oder nicht.

Wird professionell kommuniziert, freundlich eingeladen, zuverlässig informiert? Oder bleibt nach dem Klick aufs Inserat nur ein standardisierter Autoresponder ohne Follow-up?

 

Struktur schafft Vertrauen: Eine saubere Recruiting Journey

Ein klar definierter und eingehaltene Prozess signalisiert Verlässlichkeit und Respekt. Das beginnt bei der Eingangsbestätigung und endet bei einer offenen, ehrlichen Kommunikation, selbst bei Absagen.

Beispielhafte Prozessstruktur:

  1. Eingangsbestätigung spätestens am nächsten Arbeitstag
  2. Erste Sichtung & Rückmeldung innerhalb 3 – 5 Arbeitstage
  3. Telefonischer Erstkontakt innerhalb 1 - 2 Wochen inkl. Klärung der wichtigsten Rahmenbedingungen
  4. Persönliche Gespräche innerhalb 2 bis 6 Wochen
  5. Transparente, gegenseitige Feedbackphase und Entscheide, jeweils innerhalb 3-4 Arbeitstagen nach dem letzten Gespräch
  6. Vertragsangebot bei beidseitigem Commitment
  7. Wertschätzende Absagen mit Option zur Wiederaufnahme im Talentpool

Achtung vor Ghosting – auf beiden Seiten:
Während sich Unternehmen oft über ausbleibende Rückmeldungen ärgern, geht es Bewerbenden genauso. Wenn Rückmeldungen fehlen oder Termine nicht eingehalten werden, entsteht Frust. Verbindlichkeit und klare Kommunikation sind deshalb Pflicht – nicht Kür.

Werte sichtbar leben – nicht nur auflisten

Es reicht nicht, Werte wie Verlässlichkeit, Transparenz oder Innovation auf der Website zu nennen. Sie müssen erlebbar sein.
Ein Beispiel: Wenn im Inserat "Innovation" als Kernwert genannt wird, aber der gesamte Prozess veraltet und bürokratisch wirkt, entsteht ein Bruch.

Wie lassen sich Werte konkret zeigen?

  • Durch persönliche Kommunikation statt Standardmails
  • Durch empathisches Feedback nach Gesprächen
  • Durch ein authentisches Auftreten im gesamten Prozess
  • Oder mit kurzen Videostatements von Mitarbeitenden – direkt aus dem Arbeitsalltag

 

Forschung bestätigt Wirkung der Candidate Experience

Laut dem 2022 Candidate Experience Report (Criteria Corp) geben 49 % der Bewerbenden an, Bewerbungsprozesse abzubrechen – oft wegen fehlender Wertschätzung, langer Wartezeiten oder schlechter Kommunikation.
Auch Mary Scott (NACE Journal, 2025) betont: Gerade für junge Talente sind Echtheit und prompte Reaktion entscheidend. Templatemails und monatelange Funkstille schaden dem Ruf – selbst bei eigentlich attraktiven Arbeitgebern.

 

Fazit: Recruiting ist Markenarbeit

Die Recruiting Journey ist weit mehr als eine Vorstufe der Anstellung. Sie ist ein mächtiges Werkzeug zur Positionierung als Arbeitgeber. Wer hier glaubwürdig, professionell und menschlich auftritt, hebt sich ab – und wird zur Marke, der man vertrauen kann.

Denn am Ende gilt auch hier:
People Make Marketing.
Und niemand prägt das Arbeitgeberimage so früh und so direkt wie die Menschen im HR.